Kästrich – ein unabhängiges Forum für Kunst. Mit einem Report über Independent Art Circuits.

Das zweisprachige Buch blickt zurück auf das über neun Jahre gewachsene Ausstellungsforum, das 1990 unter dem Namen Kästrich in Mainz gegründet wurde. In einem ehemaligen Tabakladen im Stadtteil Kästrich wurden bis zur Schließung im Jahr 2000 über 30 Ausstellungen mit über 70 beteiligten Künstlern aus dem In- und Ausland gezeigt, insbesondere Rauminstallationen und Arbeiten mit Klang. Mit dem Kästrich entstand an einem gewöhnlichen, für jeden sichtbaren und zugänglichen Ort ein Forum außerhalb des geschlossenen Terrains des eingefahrenen Kunstbetriebs.

In dieser Hinsicht war der Name Kästrich von Bedeutung: das gleichnamige Stadtteil ist von der Örtlichkeit eines römischen Legionslagers (castrum) abgeleitet. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die ebenso benannte Straße auch einer der letzten Straßenzüge innerhalb der
Stadtbefestigung. Der programmatische Bezug des Namens Kästrich beinhaltete einerseits, mit Kunst abgesteckte Grenzen zu hinterfragen und zu erweitern und andererseits, mit Kunst zugleich einen Platz im Alltäglichen einnehmen zu können und mit ihr Vorstellungen und Wahrnehmung der Realität zu reflektieren und zu diskutieren.

Der Grundgedanke des Kästrich bestand auf der Basis der uneigennützigen Einrichtung räumlicher und administrativer Mittel darin, auf einer Arbeitsweise des Austauschs unter Künstlern eine unabhängige Plattform zu bilden, unabhängig von Kunstmarkt, Kunstpolitik und Kunsttheorie.

In einer Zeit, in der Kunst und die Präsentation von Kunst dominiert wird von theorielastigen, kunstwissenschaftlich geführten Einrichtungen, geleitet von materiellen Gesichtspunkten, innerhalb derer jedes Glied auf die Verstetigung seiner eigenen Daseinsberechtigung zielt, bildete der Kästrich im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel einen entgegengesetzten Entwurf.

Das Buch wird eingeleitet durch ein Vorwort von Paul Panhuysen (Het Apollohuis), in dem er Motive für seine eigene Arbeit, die auch ausschlaggebend bei der Gründung des Kästrich waren, darstellt Darin wird deutlich, dass es in der Kunst des 20. Jahrhunderts zwei vollkommen voneinander getrennte Entwicklungslinien gibt. Der durch den Kästrich installierte Rahmen zeigte Kunst, welche die gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen Verhältnisse der Gegenwart kritisch distanziert
hinterfragt und Thesen und Konzepte entwirft, die neue Ausblicke in einer sich schnell verändernden Welt diskutieren. Diese Kunst arbeitet untersuchend und formt Ordnungssysteme, sie ist offen für neue Erkenntnisse, die unsere Vorstellungen der Wirklichkeit in Frage stellen und erweitern.

Als Erweiterung des zunächst geplanten Katalogs über zehn Jahre Kästrich wurden vom Herausgeber andere Künstler, die selbst Gründer unabhängiger Ausstellungsforen sind, um Beiträge zu ihrer Arbeit auf diesem Gebiet gebeten. Daraus ist ein Report über Independent Art Circuits entstanden, der in der Reihenfolge der Gründungsjahre Texte über Experimental Intermedia Foundation (Arthur Stidfole, Phill Niblock), Giannozzo (Rolf Langebartels) und Het Apollohuis (Paul Panhuysen) beinhaltet. Darüber hinaus ist die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Roland Siegrist und dem Herausgeber angefügt, das um die vorgenannten Institutionen, die sogenannte Halle in Mainz und den Kästrich kreist.

Dieser Report über von Künstlern gegründete Präsentationsräume, könnte ebenfalls unter dem Titel „What are we doing here?“ zusammengefaßt werden. Dieser Satz faßt eine die Lebensrealität reflektierende Haltung von Künstlern zusammen, deren Arbeit nicht Selbstzweck ist, sondern Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, und die ein grundlegendes Bestreben darin sehen, nicht alles Vorgefundene als gegeben zu akzeptieren, sondern durch Untersuchung und Hinterfragung zu einem stets neuen und anderen Ergebnis zu kommen.


Herausgeber Harald Kubiczak
Best.-Nr. CAB–001–09 · ISBN 978–3–00–027615–6
Autoren: Harald Kubiczak, Peter Krawietz, Rolf Langebartels, Phill Niblock, Paul Panhuysen, Roland Siegrist und Arthur Stidfole
Format 125 x 200 mm, 208 Seiten, 367 Abbildungen,  14,– Euro plus Versand